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news.de-Artikel: Soziale Netzwerke – Keine Zielgruppe ohne Community

In Reaktion auf meinen Artikel „Social Netzworks – beginnt jetzt der Wildwuchs?„, in dem mich unter anderem auch kritisch über den Launch der Community des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) blutspender.net geäußert hatte, bin ich von der news.de-Redaktion zur Zukunft der Sozialen Netzwerke interviewt worden. Ein Teil davon ist in den news.de- Artikel „Soziale Netzwerke – Keine Zielgruppe ohne Community“ eingeflossen.

Friedrich-Ernst Düppe, Presseprecher des Blutspendedienstes des DRK, kommt in dem Artikel auch zu Wort. Ein kurzer Auszug:

Verabredungen zum Blutspenden sind laut Düppe Usus unter den zwei Millionen DRK-Spendern.

Und zum Thema asymmetrisches bzw. dezentrales Community Management, was mein Lösungsansatz für die Ziele des DRK gewesen wäre:

„Wir wollen kein Anhängsel eines anderen Netzwerkes sein, sondern selbst entscheiden, was wir den Spendern bieten und welche Qualitätsmaßstäbe wir an Dinge wie Datenschutz setzen“.

Dann steht ja einem durchschlagenden Erfolg des Projektes eigentlich nichts mehr im Wege… Nichtsdestotrotz wünsche ich dem DRK, dass die gewünschten Ziele auch „klassisch“ erreicht werden können. Immerhin dient blutspender.net ja einem guten Zweck!

Social Netzworks – beginnt jetzt der Wildwuchs?

Spürt ihr ihn auch? Diesen unbändigen Drang, jetzt und heute ein neues Social Network zu starten? Nein? Dann gehört ihr momentan wohl eher einer Minderheit an. Heute habe ich im netzwertig.com-Blog gelesen, dass das Rote Kreuz eine Community für Blutspender ins Leben gerufen hat. Name: blutspender.net. Ziel: Blutspender sollen sich dort austauschen und zum gemeinsamen Blutspenden verabreden. Dabei ist mir schlagartig bewusst geworden, dass die Themen Social Networks und Social Media jetzt auch in den Köpfen der letzten Entscheidungsträger angekommen sind. Das ist auf der einen Seite gut, Communitys sind schließlich eine tolle Sache, auf der anderen Seite wiederum auch schlecht, weil jetzt offensichtlich die Phase des Wildwuchses und der unglaublichen Geldverschwendung zu beginnen scheint…

Einfach oder einfach zu viel
Ich erinnere mich an die Zeit vor einigen Jahren, als die ersten Anbieter für „Instant-Foren“ auf den Markt gekommen sind. Keine Installation und kein eigener Webserver waren mehr nötig, um endlich ein eigenes Forum ins Leben rufen zu können. Per se eine schöne Sache, in der Realität aber vor allem: Wildwuchs wohin man schaut, gefühlte 95% der Foren haben es niemals geschafft, eine zumindest dreistellige Mitgliederzahl zu erreichen. Eine ähnliche Entwicklung zeichnet momentan leider auch im Community-Bereich ab, nicht zuletzt bei Community-Hostern wie Mixxt, Tribax und Co: Viele viele Netzwerke mit lediglich einer Hand voll Mitgliedern. Das will ich allerdings keineswegs als Kritik an den Anbietern dieser Instant-Netzwerke verstanden wissen, schließlich nutze ich persönlich beispielsweise Mixxt im Rahmen der Software Biz Community sehr gerne. Die Kritik ist vielmehr an diejenigen gerichtet, die diese Communitys planen und ins Leben rufen, ohne sich vorher Gedanken darüber zu machen, ob es denn überhaupt eine ausreichend große Zielgruppe gibt, die die Community hinterher auch nutzen wird.

Neue Netzwerke haben es schwer
Doch zurück zur neuen Community des Roten Kreuzes: Grundsätzlich begrüße ich ein Engagement im Social Media-Umfeld! Und ich bin mir auch sicher, dass es (hoffentlich viele) Menschen gibt, die sich über das Thema Blutspende informieren möchten. Auch finde ich es durchaus plausibel, dass das Rote Kreuz näher in Kontakt mit den Blutspendern kommen möchte, um z.B. auf einen erhöhten Blutspendebedarf oder aktuelle Blutspendetermine hinzuweisen. Und vielleicht mag es sogar eine handvoll Menschen geben, die sich gerne mit anderen Blutspendern zum gemeinsamen Blutspenden verabreden möchten. Allerdings sind große Teile des Community-Marktes bereits fest in der Hand der „Großen“, allen voran die VZ-Familie, wer-kennt-wen, Facebook, XING und Co. Im Umkehrschluss wird es für neue Anbieter immer schwerer, eine kritische Masse an aktiven Mitgliedern für die eigene Community zu begeistern. Natürlich werden auch Nischenanbieter mit vertikalen Netzwerken in Zukunft ihre Chancen haben, dann müssen aber Idee und Konzept wirklich stimmig sein. Dies trifft, da lehne ich mich gerne aus dem Fenster, auf Blutspender.net in dieser Form leider nicht zu.

Dezentrales Community Management
Sollten deswegen Anbieter wie das Rote Kreuz künftig darauf verzichten, ihre Zielgruppe im Social Media-Umfeld zu erreichen? Nein, ganz im Gegenteil: Es ist nur der völlig falsche Ansatz, dass jedes Unternehmen eine eigene Community braucht. Die Chancen stehen sehr gut, dass z.B. die Zielgruppe der Blutspender bereits in anderen Netzwerken aktiv ist. Es liegt also auf der Hand, die Zielgruppe einfach dort abzuholen, wo sie ohnehin schon ist. Ein Großteil der bestehenden Social Networks bietet sogar tolle Tools an, mit denen man vergleichsweise unaufwändig mit seiner Zielgruppe in Kontakt treten kann: XING-Gruppen, Fan-Seiten oder Facebook-Applikationen, um nur ein paar davon zu nennen. Vorteil: Die Investitionen in die Technik entfallen weitestgehend und durch die wegfallende Registrierung ist zusätzlich die Hürde für neue Mitglieder deutlich geringer. Meist genügt beispielsweise ein Klick, um einer Gruppe in einem bestehenden Netzwerk beizutreten.

Zusammengefasst spricht man bei diesem Ansatz von dezentralem oder auch asymmetrischen Community Management: D.h. ich hole die Zielgruppe nicht auf eine separate Plattform (zentraler Ansatz), sondern betreue sie überall dort, wo sie aktiv ist (dezentraler Ansatz). Leider ist diese Variante nur wenigen Anbietern geläufig bzw. es scheint vielfach bequemer, eine technische Lösung wie eine Community-Plattform zu verkaufen.

Fazit
Im Fall des Rote Kreuz-Netzwerkes hätte eine seriöse Agentur, entsprechende Kompetenz setze ich mal voraus, meines Erachtens bereits bei Planung intervenieren müssen. So wird das Projekt leider eine der vielen hübsch anzusehenden Community-Wüsten bleiben. Für die Zukunft bleibt zu hoffen, dass sich zwei Entwicklungen einstellen:

  1. Firmen sollten sich bei der Planung ihrer Social Media-Strategie nicht nur mit ihrer Hausagentur, die ja schließlich Geld verdienen will und muss, sondern nach Möglichkeit auch mit externen und damit unabhängigen Beratern zusammensetzen. Im Zweifelsfall auch mit zweien oder dreien. In Anbetracht der technischen Kosten einer Online-Community ist dies unter Umständen sehr sinnvoll investiertes Geld.
  2. Agenturen und Berater sollten zum einen ihre Kompetenzen im Social Media-Umfeld weiter ausbauen und zum anderen endlich auch mal den Mut haben, Kunden ggf. von der Umsetzung eines Projektes abzuraten. Mir ist bewusst, dass Agenturen auch ihre Brötchen verdienen müssen und es geht mir auch nicht darum, den Kunden unverrichteter Dinge wieder nachhause zu schicken. Im Gegenteil: Der Kunde soll gerne Geld ausgeben, aber eben für sinnvolle Dinge. Und dies kann ich als Agentur eben nur vermitteln, wenn ich entsprechende sinnvolle Alternativen kenne und auch anbieten kann.

Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt und es wäre doch schön, wenn sich nicht erst wie bei den Themen Websites, SEO und Co. die Kunden zunächst die Finger verbrennen müssen, um dann (später) im zweiten oder dritten Anlauf das Richtige zu bekommen. Schöne neue Welt… 😉